Nackt in Braunschweig: Vorstellung des Albums „Nackt“ der Kapelle Petra im Braunschweiger „Eulenglück“ im Jahr Dezember 2019

Eine Anmerkung: Eigentlich hatte ich vor, den Artikel kurz nach dem Konzert im Jahr Dezember 2019 zu veröffentlichen. Doch die schon damals aufkeimenden Entwicklungen der Pandemie machten meine Pläne zunichte. Im Jahre 2021 hatte ich nach dem Erscheinen des Konzeptalbums „Die vier Jahreszeiten“ die Idee, den Artikel umzuschreiben, doch blieb es beim Vorhaben. Nun habe ich mich einfach entschieden, den Beitrag so in meinen Blog zu stellen, wie er nun einmal ist: eine Mischung aus den Textsorten Portrait, Konzertbericht und Rezension.

Ein neues Album der Kapelle Petra aus dem westfälischen Hamm – das klingt nach guter Laune in grauen Zeiten. Morgen ist es so weit: Ein bekannter Paketlieferant wird mir die erste CD-Box der vierteiligen Edition „Die vier Jahreszeiten“ schicken. In Zeiten der Pandemie müssen Bands, die sich abseits des massenkompatiblen Pop-Mainstreams halten, schon viel Kreativität an den Tag legen, um ihr Publikum zu erreichen. Mit dem im Kapelle-Shop angebotenen EP-Abo, ausgeliefert in einer Geschenkbox, ist der Band ein intelligenter Marketingcoup gelungen, doch dazu in einem anderen Beitrag.

Die drei Bandmitglieder bezeichnen ihren Musikstil selbst als „Beklopptenpop“: irgendwo zwischen den Melancholikern der Hamburger Schule und den Spaßpunkern Montreal und „Die Ärzte“ stehend. Besonders bei ihren Bühnenauftritten lugt manchmal der selbstironische Anarchismus eines Helge Schneiders hervor. Fast schon selbstverständlich dieser Einfluss, könnte man meinen, wenn eine Band unweit des Heimatortes dieses vielseitigen Musikers stammt. Sie heißen Guido „Opa“ Scholz, „Der tägliche Siepe“, „Ficken“ Schmidt und die gewichtige, aber gemütliche Bühnenfigur ohne Instrument nennt sich mit einem selbstironischen Augenzwinkern „Gazelle“.

 

2007 hatte Kapelle Petra mit dem Lied „Geburtstag“ ihren ersten größeren Hit. Es folgten Auftritte im Fernsehen und bei größeren Open-Air-Festivals. Im Laufe der Zeit avancierten die vier Westfalen zu einer deutschlandweit bekannten Kultband, abseits vom kommerziellen Mainstream mit seinem langweiligen Einheitsgedudel. 2016 widmete ihre Heimstadt Hamm Ihnen eine Sonderausstellung mit dem Namen „100 Jahre Kapelle Petra – Beklopptenpop im Wandel der Zeit“. Im Jahr 2019 erschien das letzte Werk der Band mit dem lapidaren Titel „Nackt“.

 

Mit diesem Top-50-Album im Gepäck begab sich die Band im Jahre 2019  mit einer „Nackt im Herbst“-Tour auf die Bühnen kleinerer Klubs quer durch Deutschland, sich fern von den großen Konzerthallen haltend. Bühnenshows vor einem Klubpublikum haben immer eine besondere Note: Man ist stets auf Tuchfühlung mit den Fans, aus Reaktionen werden gleich Interaktionen, kleine Fehler in der Performance werden schnell registriert.

 

Am 6. Dezember 2019 besuchte die Kapelle die norddeutsche Universitätsstadt Braunschweig und heizten im Klub „Eulenglück“ die Stimmung mit erdigem Schrammelsound und humoriger Bühnenperformance gehörig auf. Bis auf Gazelle, dieser mit tarnfarbenem Hemd und schiefer Baskenmütze ausgestattet, traten sie in ausgefallen lässigen Overalls, bestickt mit Bandapplikationen, auf die Bühne. Vor ausverkauftem Haus spielte sich die Gruppe in die Herzen des Publikums. Es schien, dass sich an diesem Abend nur die wahren Fans versammelt hatten: Ganz wie selbstverständlich sangen die Menschen auch die Songs des neuen Albums textsicher mit. Sänger Guido Scholz schien ganz angetan von der Stimmung in der Eule und war voller Lob für das enthusiastische Publikum. Selbst die Bühnenfigur „Gazelle“ nahm ganz entspannt, locker mit einem Bier auf einem Campingstuhl sitzend, die Huldigungen einzelner Anhänger entgegen.

 

Höhepunkt des Abends war natürlich das Geburtstagslied, mit der die Band auch landesweit bekanntgeworden ist. Ein gut aufgelegter Siepe präsentierte mittels des Reissverschlusses seines Overalls das bekannte Hosenschlitzsolo im Mittelteil, während Gazelle aus Nasenlöchern und Mund die Tröten blies. Kapelle Petra sorgt mit ihrem Faible für skurrile Einlagen und eingängigen Spaßrock natürlich für gute Laune beim Publikum, doch beim genauen Hinhören wird einem der hintergründige Anspruch dieser Band bewusst. Sie sind mehr als nur eine Spaßband. Kapelle Petra verarbeitet in ihren scheinbar naiv-trivialen Texten die Absurditäten und Widersprüche des Alltags in der postmodernen Welt. Der kumpelige, handfeste Humor des Ruhrgebietes ist weit entfernt von den Holzhammer-Witzen mittelmäßiger Fernsehcomedians, in diesem versteckt sich oft der Sinn für eine immanente Tragik des Komischen. In den Zwischentönen anscheinend harmloser Songs wird immer ein Stück Sozialkritik verpackt: Hinter der zwanghaften Suche der Oma nach einer dialektischen Kompromisslösung für den Fleischverweigerer im Lied „Aber ´ne Wurst“ versteckt sich auch eine Sprach- und Verständnislosigkeit zwischen den Generationen, die sich aktuell in der Klimadebatte wiederfindet.

 

Die Songs des neuen Albums „Nackt“ wurden vom Publikum euphorisch mitgesungen. Das aktuelle Werk setzt sich mit den komischen als auch ernsten Momenten des Seins auseinander, in der das Individuum seinen Standpunkt in der modernen, stets selbstoptimierten und vernetzten Gesellschaft sucht. Nackt sind all diejenigen, die sich im Internet wortgewichtig bewegen, sich beruflich oder medial auf Facebook oder anderswo inszenieren. Schlussendlich verbleibt die Transformation des eigenen Ichs in einer hohlen Phrase. Das Individuum merkt nicht, dass es nicht nur sich entwertet, sondern auch die Qualität und Ansprüche kultureller Leistungen. In dem Album setzt der Song „Seitdem ich Johnny Cash bin“ diese Thematik mit großartiger Ironie um: Ein Getränkemarktverkäufer findet den Sinn des Lebens in Auftritten als Johnny Cash-Imitator in Möbelhäusern und auf Schützenvereinssitzungen. Nicht nur der Stellenwert der Kunst verschiebt sich hier, auch die Wertigkeit des Künstlers verändert sich im Zeitablauf. Der Status des Originals und die Erinnerung an sein Werk versinkt mit der Zeit ins Beliebige und Anspruchslose, vollzogen wird der Sockelstoß durch die beliebigen Darbietungen von selbsternannten Stardoubles auf Volksfesten. Der kulturelle Tiefpunkt wird schlussendlich im seichten Kitsch der unsäglichen Erinnerungsshows der Sendeanstalten erreicht, moderiert von bleichen Schlagerstars. Der Selbstinszenierungsdrang in der postmodernen digitalen Community kennt keine Schmerz- und Geschmacksgrenzen, wenn es um die persönliche Selbstentfaltung geht.

 

Die Entwertung der Kunst wird zudem in der medialen Darbietung der Popmusik erreicht, in der die Musik nur zu einem reinen Konsumakt degeneriert. Zum Konsum wird nur das angeboten, was auch ökonomisch verwertbar ist: Der Song „Radio an“ ist eine Absage an den seichten Mainstream-Pop der Radiostationen. Dem weichspülten, pseudopoetischen Pop deutschsprachiger Sänger, vorgetragen ohne Ecken und Kanten, erteilt die Band eine Absage und fordert von den Musikredakteuren den Mut zum Abspielen von kreativen, absurden, lauten und manchmal derben Stücken aus der Pop- und Rockkultur. Die Förderung dieser Musik wäre die logische Konsequenz vor dem Hintergrund einer dauerstreamenden Gesellschaft, in der Bands mit frischen Ideen nicht mehr jene materielle Wertschätzung erfahren können, die sie ohne die neuen Konsumangebote vielleicht gehabt hätten.

 

Das sind nur zwei der dreizehn Lieder auf dem neuen Album, aber auch in anderen Stücken hält die Band den umkritischen Medienkonsumenten, den moralinsauren Dauerempörten und den narzisstischen Selbstoptimierern mit Humor und einem Schuss Ironie den Spiegel vor. Eine reine Spaßband ist die Band aus Hamm nicht, auch wenn ihre Auftritte durch eine kluge Selbstironie und Situationskomik begleitet wird. Aber wie kann man sonst die Unbilden unserer Zeit ertragen, wenn diese nicht durch Lachen konterkariert werden?

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