Frida Leider – Eine Sängerin im Zwiespalt ihrer Zeit

Die Musikwissenschaftlerin Eva Rieger veröffentlichte im Georg Olms Verlag eine Biographie über die hochdramatische Sopranistin Frida Leider (1888-1975). Bekannt und international gefeiert wurde die Opernsängerin in den 20er und 30 er Jahren für die herausragende Interpretation der Wagnerschen Opernfiguren Brünnhilde und Isolde. Den Höhepunkt ihrer Karriere erlebte sie, verheiratet mit einem jüdischen Musiker, auf dem Bayreuther Hügel im Angesicht der Protagonisten des nationalsozialistischen Regimes.

Von Matthias Dickel, M.A.

Die Aussicht auf eine gesicherte Existenz bei einer Bank war für Frida Leider nicht erstrebenswert. Mit Ehrgeiz und Entbehrungen studierte sie neben ihrem Hauptberuf Gesang, um ihren sehnlichsten Traum zu erfüllen: Opernsängerin. Zu Beginn ihrer jungen Karriere konnte sie noch nicht damit rechnen, dass sie einmal ein weltweit gefeierter Star am Opernhimmel werden wird. Ihr Weg führte erst einmal über Provinzbühnen an die Staatsoper Berlin. Der Intendant Max von Schillings engagierte sie für ein Tristan und Isolde-Gastspiel. Im Jahr 1928 folgten die ersten Engagements im europäischen Ausland und in den USA. Mit ihren internationalen Gastspielen wurde sie auch für die Wagnerfamilie im fernen Bayreuth interessant. In den folgenden Jahren gehörte sie dort zur Stammbesetzung für den Ring-Zyklus.

Doch mit dem aufkeimenden Nationalsozialismus in den dreißiger Jahren wurde das Engagement für Frida Leider zu einem Schicksalsspiel für ihre Karriere. Der Wagner-Enthusiast Adolf Hitler war ein gern gesehener Gast auf dem Hügel, der von der Wagner-Familie kratzfüßig hofiert wurde. Leiders Ehe mit einem jüdischen Musikprofessor geriet in den Fokus des nationalsozialistischen Rassenwahns. 1938 musste sie, aufgerieben durch die Ängste um ihren Ehemann und haltlosen Verleumdungen, ihren Platz für die von dem Regime präferierte Marta Fuchs räumen. 1942 trat sie noch ein letztes Mal als Opernsängerin auf.

Die Musikwissenschaftlerin Eva Rieger hat nun dieser Sängerin, die einst mit Lotte Lehmann in einem Atemzug genannt wurde, eine umfangreiche Biographie gewidmet. Es verwundert schon, dass Frida Leider als erstrangige Opernsängerin mit den Jahren aus dem kulturellen Gedächtnis verschwunden ist. Noch in der Nachkriegszeit war ihre Bedeutung so groß, dass Walter Legge, damals einer der wichtigsten Schallplattenproduzenten des Jahrhunderts, ohne Leider keinen Ring des Nibelungen mehr aufnehmen wollte.

Für die Biographie konnte Eva Rieger neben der Autobiographie der Sängerin, auch noch auf unbekanntes Quellenmaterial aus dem Nachlass von Frida Leider zurückgreifen. Schon aus dem Untertitel Sängerin im Zwiespalt ihrer Zeit lässt sich der thematische und zeitliche Schwerpunkt dieser Lebensbeschreibung erkennen. Der Höhepunkt ihres Lebensweges, das Engagement in Bayreuth, führte sie, durch die politischen und sozialen Zeitumstände, in ein unlösbares Dilemma. Kann die Kunst hermetisch, d. h. unbeeindruckt von politischen Einflüssen, existieren? Die These, dass Kunst, besonders die Musik, nicht autonom ist, sondern ideologisch vereinnahmt werden kann und dass dem Künstler daraus eine besondere Verantwortung zukommt, möchte Eva Rieger anhand dieser Biographie belegen.

Der Autorin gelingt es aber nicht überzeugend, die Sängerin als ein exemplarisches und herausgehobenes Schicksal im Dilemma mit der nationalsozialistischen Ära darzustellen. Man kennt schon zu genüge die Lebenswege vieler Künstler im Dritten Reich, die das System stützten, mit der Masse mitliefen oder sich dem Regime durch Rückzug entzogen. Frida Leider lebte, wie der Musikwissenschaftler Stephan Mösch schon im Vorwort erwähnte, ein ganz unspektakuläres Leben. Die Opernsängerin verfolgte ihre Karriere nüchtern und mit klarem Blick: keine Affären, keine Eskapaden. Einblicke in ihr Seelenleben legte sie auch in ihrer Autobiographie Das war mein Teil nur spärlich offen.

Genau hier liegt auch eine Schwäche in der Biographie. Der Leser erfährt trotz der Nähe zur Autobiographie nicht wirklich Persönliches über die Opernsängerin. Selbst dort wo die ein oder andere Anekdote wiedergegeben wird, unterlässt es die Autorin, Frida Leider direkt zu Wort kommen zu lassen. Durch die zahlreichen historischen Exkurse und Rückgriffe schwimmt die Biographie zwischen einer allgemeinverständlichen und wissenschaftlichen Biographie. Damit dem Leser die Tragik des Lebens der Opernsängerin deutlich wird, baut Eva Rieger Hitler als Antipoden der Sängerin auf. Es ist klar, dass beide von Richard Wagners Inszenierungsideen gelernt haben und die Autorin damit die ideologische Intoxikation der Wagnerschen Musik deutlich machen wollte. Doch kommt dieser Vergleich zu dick aufgetragen, gemacht-dramatisch und unausgegoren daher.

Die Kapiteleinteilung erfolgt chronologisch und hangelt sich an der Autobiographie entlang. Man merkt der Biographie die Nähe zu den autobiographischen Publikationen der Opernsängerin an; Lücken füllt die Autorin mit Vermutungen und Ausdeutungen. An diesem Punkt macht die Autorin einen Schritt zu wenig, indem sie die Lebensäußerungen Frida Leiders nur mit eigenen Worten paraphrasiert. Sie mag im Ansatz recht behalten, wenn sie der Opernsängerin zugesteht, ihr Leben so zu erzählen, wie sie es als wahr empfunden hat. Trotzdem müssen in einer historischen Darstellung die selbstbiographischen Äußerungen von Persönlichkeiten kritisch geprüft und hinterfragt werden.

Es hätte dem Werk gutgetan, wenn man die noch nicht ausreichend erforschte Quellenlage akzeptiert und als Chance genommen hätte, anstatt das Buch unnötig mit bekannten historischen Fakten aufzublähen. So bleibt zu konstatieren, dass die erste Biographie über Frida Leider eine stilistisch gut geschriebene Monographie ist, die unter ihren Möglichkeiten bleibt.

Bibliografische Angabe:

Eva Rieger: Frida Leider. Im Zwiespalt ihrer Zeit

Georg Olms Verlag, Hildesheim. 1. Aufl. 2016. 269 S., 22,00 €. ISBN: 978-3-487-08579-1.

Auszug aus meiner Rezension zu Frido Mann „An die Musik“

Der Schriftsteller Frido Mann veröffentlichte im Jahr 2014 einen autobiographisch gefärbten Essay zur europäische Musikgeschichte. Der Autor wollte mit seinem Aufsatz nicht nur einfach einen anekdotisch beladenen Führer durch die Musikepochen liefern. In seinem neuen Werk betrachtet er die europäische Musikgeschichte von der philosophischen Seite und thematisiert die Doppelbödigkeit der musikalischen Rezeption. Seine These lässt sich in einem Satz zusammenfassen: Gerade weil die Musik den Hörer nicht nur ästhetisch, sondern auch emotional berührt, soll die in der Musik liegende verführerische und einflussnehmende Kraft kritisch analysiert werden.

In meiner Rezension für die Zeitschrift „Die Tonkunst“ komme ich zu folgendem Urteil:

 […]

Frido Mann versucht in seinem autobiographischen Essay [..]  diese Gratwanderung zwischen der <<aufbauenden und der verführerischen Kraft der Musik>> im Ablauf der neueren Musikgeschichte genauer zu untersuchen.

[…]

Natürlich könnte man meinen, dass ein Blick in ein gängiges Musiklexikon die Lektüre dieses Essays mühelos ersetzen könnte, doch Frido Mann erzählt den Ablauf der europäischen Musikgeschichte für den musikalischen Laien klar, verständlich und in vielen Passagen auch unterhaltsam. Durch den gelegentlichen Einschub von autobiographischen Passagen und persönlichen Einblicken in die eigene Musikerfahrung vermeidet der Autor ein Abdriften in allzu theoretische Diskurse. Sprachlich bleibt er wohltuend sachlich und vermeidet auch bei den subjektiven Erinnerungen jeden übertriebenen Pathos.

 

Bibliografische Angabe:

Frido Mann: An die Musik. Ein autobiographischer Essay.

Fischer Taschenbuch Verlag. Frankfurt a. M. 2015. 332 S., 10,99 €. ISBN: 978-3-596-03376-8.

Auszug mit freundlicher Genehmigung der Zeitschrift „DIE TONKUNST“. Der Artikel erschien in der Januar-Ausgabe des Jahre 2017: Dickel, Matthias: Rezension zu „Frido Mann: An die Musik. Ein autobiographischer Essay“ In: DIE TONKUNST, Weimar, Heft I/2017, S. 93 – 94.

Auszug aus meiner Rezension zum Werk von Babette Kaiserkern: „Luigi Boccherini. Leben und Werk – Musica amorosa“

Die Journalistin und Musikwissenschaftlerin Babette Kaiserkern veröffentlichte vor zwei Jahren die erste umfangreiche deutschsprachige Biographie über den italienischen Komponisten und Cellisten der vorklassischen Epoche. Eine Rezension zu ihrem Werk habe ich für die musikwissenschaftliche Zeitschrift „DIE TONKUNST“ geschrieben. Die Biographie konnte mich beim kritischen Lesen nur teilweise überzeugen, wie das hier veröffentlichte Fazit meiner Rezension zeigt:

Auszug aus: „DIE TONKUNST, April 2016, Nr. 2, Jg. 10 (2016), ISSN: 1863-3536, S. 211-213“ (mit freundlicher Genehmigung der Redaktion):

Die Autorin hat für diese Biographie vorbildliche Quellenarbeit geleistet und aktuelle Forschungsergebnisse berücksichtigt. Die überzeugend klare Sprache der Autorin hält das Interesse an der Biographie des italienischen Komponisten wach und glättet manche erzählerischen Schwächen des Werkes. Einige Abschnitte hätten aus der Erzähllogik heraus durchaus anderen Abschnitten zugeordnet werden können, um einen schlüssigeren Erzählfluss herzustellen. Auch finden sich im Text zahlreiche Wiederholungen von Textstellen, die schon in vorangegangenen Abschnitten angeführt worden sind. […] Dem Leser, der sich mit Leben und Werk des Komponisten vertraut machen möchte, bietet die Monographie einen gut lesbaren Überblick. […]

[…]

Bibliografische Angabe: Babette Kaiserkern: Luigi Boccherini. Leben und Werk Musica amorosa. Weimarer Verlagsgesellschaft 2014. 268 S., 28 €. EAN: 978-3-7374-0213-2

Wigbert – Fragment einer Erzählung

Wigbert

Eine Erzählung

I

Es war der erste Frühlingssonntag, als sich Wigbert in seinen Garten begab, den er in Zeiten der Suche nach künstlerischer Inspiration besuchte. Die Sonne zeigte sich in ihrer mittäglichen Him­melsstellung, die Bienen und Hummeln umschwärmten die erblühten Kelche der Rosen und der Wind hauchte den Bäumen und Sträuchern eine sanfte Lebensbewegung ein. Wigbert suchte in dem Moment dunkler Vorahnung diese Stille der Natur. Er sog mit einem langen Aufblähen seines Brustkorbes den süßen Duft der Blumen und des frischen Grases in seine Lungen – und sein ganzer Körper fiel in eine Entspannung, die ihn eins werden lies mit der in sich ruhenden Leichtigkeit seiner Umgebung. […]

Kubas bekanntester Autor wird 60

Morgen feiert der kubanische Schriftsteller Leonardo Padura seinen sechzigsten Geburtstag. Bekannt wurde Padura durch seine Kriminalromane um den Polizeikommissar Mario Conde, mit denen er auch international Erfolge feiern konnte. Seine Werke umfassen zudem weitere Romane, Erzählbände, Reportagen und Interviews.

Im Jahre 2012 wurde er mit dem kubanischen Nationalpreis ausgezeichnet. Auch in Europa würdigte die literarische Welt seine Erzählkunst: 2013 wurde ihm in Frankreich der „Ordre des Arts et des Lettres“ verliehen und in diesem Jahr folgte der angesehene „Prinzessin-von-Asturien-Preis für Literatur“.

Der Unionsverlag veröffentlichte in diesem Jahr das neuste Werk des kubanischen Schriftstellers: „Die Palme und der Stern“. Ein Roman über die Geschichte seines Heimatlandes Kuba und das Leben zweier Schriftsteller aus unterschiedlichen Epochen.