Nackt in Braunschweig: Vorstellung des Albums „Nackt“ der Kapelle Petra im Braunschweiger „Eulenglück“ im Jahr Dezember 2019

Eine Anmerkung: Eigentlich hatte ich vor, den Artikel kurz nach dem Konzert im Jahr Dezember 2019 zu veröffentlichen. Doch die schon damals aufkeimenden Entwicklungen der Pandemie machten meine Pläne zunichte. Im Jahre 2021 hatte ich nach dem Erscheinen des Konzeptalbums „Die vier Jahreszeiten“ die Idee, den Artikel umzuschreiben, doch blieb es beim Vorhaben. Nun habe ich mich einfach entschieden, den Beitrag so in meinen Blog zu stellen, wie er nun einmal ist: eine Mischung aus den Textsorten Portrait, Konzertbericht und Rezension.

Ein neues Album der Kapelle Petra aus dem westfälischen Hamm – das klingt nach guter Laune in grauen Zeiten. Morgen ist es so weit: Ein bekannter Paketlieferant wird mir die erste CD-Box der vierteiligen Edition „Die vier Jahreszeiten“ schicken. In Zeiten der Pandemie müssen Bands, die sich abseits des massenkompatiblen Pop-Mainstreams halten, schon viel Kreativität an den Tag legen, um ihr Publikum zu erreichen. Mit dem im Kapelle-Shop angebotenen EP-Abo, ausgeliefert in einer Geschenkbox, ist der Band ein intelligenter Marketingcoup gelungen, doch dazu in einem anderen Beitrag.

Die drei Bandmitglieder bezeichnen ihren Musikstil selbst als „Beklopptenpop“: irgendwo zwischen den Melancholikern der Hamburger Schule und den Spaßpunkern Montreal und „Die Ärzte“ stehend. Besonders bei ihren Bühnenauftritten lugt manchmal der selbstironische Anarchismus eines Helge Schneiders hervor. Fast schon selbstverständlich dieser Einfluss, könnte man meinen, wenn eine Band unweit des Heimatortes dieses vielseitigen Musikers stammt. Sie heißen Guido „Opa“ Scholz, „Der tägliche Siepe“, „Ficken“ Schmidt und die gewichtige, aber gemütliche Bühnenfigur ohne Instrument nennt sich mit einem selbstironischen Augenzwinkern „Gazelle“.

 

2007 hatte Kapelle Petra mit dem Lied „Geburtstag“ ihren ersten größeren Hit. Es folgten Auftritte im Fernsehen und bei größeren Open-Air-Festivals. Im Laufe der Zeit avancierten die vier Westfalen zu einer deutschlandweit bekannten Kultband, abseits vom kommerziellen Mainstream mit seinem langweiligen Einheitsgedudel. 2016 widmete ihre Heimstadt Hamm Ihnen eine Sonderausstellung mit dem Namen „100 Jahre Kapelle Petra – Beklopptenpop im Wandel der Zeit“. Im Jahr 2019 erschien das letzte Werk der Band mit dem lapidaren Titel „Nackt“.

 

Mit diesem Top-50-Album im Gepäck begab sich die Band im Jahre 2019  mit einer „Nackt im Herbst“-Tour auf die Bühnen kleinerer Klubs quer durch Deutschland, sich fern von den großen Konzerthallen haltend. Bühnenshows vor einem Klubpublikum haben immer eine besondere Note: Man ist stets auf Tuchfühlung mit den Fans, aus Reaktionen werden gleich Interaktionen, kleine Fehler in der Performance werden schnell registriert.

 

Am 6. Dezember 2019 besuchte die Kapelle die norddeutsche Universitätsstadt Braunschweig und heizten im Klub „Eulenglück“ die Stimmung mit erdigem Schrammelsound und humoriger Bühnenperformance gehörig auf. Bis auf Gazelle, dieser mit tarnfarbenem Hemd und schiefer Baskenmütze ausgestattet, traten sie in ausgefallen lässigen Overalls, bestickt mit Bandapplikationen, auf die Bühne. Vor ausverkauftem Haus spielte sich die Gruppe in die Herzen des Publikums. Es schien, dass sich an diesem Abend nur die wahren Fans versammelt hatten: Ganz wie selbstverständlich sangen die Menschen auch die Songs des neuen Albums textsicher mit. Sänger Guido Scholz schien ganz angetan von der Stimmung in der Eule und war voller Lob für das enthusiastische Publikum. Selbst die Bühnenfigur „Gazelle“ nahm ganz entspannt, locker mit einem Bier auf einem Campingstuhl sitzend, die Huldigungen einzelner Anhänger entgegen.

 

Höhepunkt des Abends war natürlich das Geburtstagslied, mit der die Band auch landesweit bekanntgeworden ist. Ein gut aufgelegter Siepe präsentierte mittels des Reissverschlusses seines Overalls das bekannte Hosenschlitzsolo im Mittelteil, während Gazelle aus Nasenlöchern und Mund die Tröten blies. Kapelle Petra sorgt mit ihrem Faible für skurrile Einlagen und eingängigen Spaßrock natürlich für gute Laune beim Publikum, doch beim genauen Hinhören wird einem der hintergründige Anspruch dieser Band bewusst. Sie sind mehr als nur eine Spaßband. Kapelle Petra verarbeitet in ihren scheinbar naiv-trivialen Texten die Absurditäten und Widersprüche des Alltags in der postmodernen Welt. Der kumpelige, handfeste Humor des Ruhrgebietes ist weit entfernt von den Holzhammer-Witzen mittelmäßiger Fernsehcomedians, in diesem versteckt sich oft der Sinn für eine immanente Tragik des Komischen. In den Zwischentönen anscheinend harmloser Songs wird immer ein Stück Sozialkritik verpackt: Hinter der zwanghaften Suche der Oma nach einer dialektischen Kompromisslösung für den Fleischverweigerer im Lied „Aber ´ne Wurst“ versteckt sich auch eine Sprach- und Verständnislosigkeit zwischen den Generationen, die sich aktuell in der Klimadebatte wiederfindet.

 

Die Songs des neuen Albums „Nackt“ wurden vom Publikum euphorisch mitgesungen. Das aktuelle Werk setzt sich mit den komischen als auch ernsten Momenten des Seins auseinander, in der das Individuum seinen Standpunkt in der modernen, stets selbstoptimierten und vernetzten Gesellschaft sucht. Nackt sind all diejenigen, die sich im Internet wortgewichtig bewegen, sich beruflich oder medial auf Facebook oder anderswo inszenieren. Schlussendlich verbleibt die Transformation des eigenen Ichs in einer hohlen Phrase. Das Individuum merkt nicht, dass es nicht nur sich entwertet, sondern auch die Qualität und Ansprüche kultureller Leistungen. In dem Album setzt der Song „Seitdem ich Johnny Cash bin“ diese Thematik mit großartiger Ironie um: Ein Getränkemarktverkäufer findet den Sinn des Lebens in Auftritten als Johnny Cash-Imitator in Möbelhäusern und auf Schützenvereinssitzungen. Nicht nur der Stellenwert der Kunst verschiebt sich hier, auch die Wertigkeit des Künstlers verändert sich im Zeitablauf. Der Status des Originals und die Erinnerung an sein Werk versinkt mit der Zeit ins Beliebige und Anspruchslose, vollzogen wird der Sockelstoß durch die beliebigen Darbietungen von selbsternannten Stardoubles auf Volksfesten. Der kulturelle Tiefpunkt wird schlussendlich im seichten Kitsch der unsäglichen Erinnerungsshows der Sendeanstalten erreicht, moderiert von bleichen Schlagerstars. Der Selbstinszenierungsdrang in der postmodernen digitalen Community kennt keine Schmerz- und Geschmacksgrenzen, wenn es um die persönliche Selbstentfaltung geht.

 

Die Entwertung der Kunst wird zudem in der medialen Darbietung der Popmusik erreicht, in der die Musik nur zu einem reinen Konsumakt degeneriert. Zum Konsum wird nur das angeboten, was auch ökonomisch verwertbar ist: Der Song „Radio an“ ist eine Absage an den seichten Mainstream-Pop der Radiostationen. Dem weichspülten, pseudopoetischen Pop deutschsprachiger Sänger, vorgetragen ohne Ecken und Kanten, erteilt die Band eine Absage und fordert von den Musikredakteuren den Mut zum Abspielen von kreativen, absurden, lauten und manchmal derben Stücken aus der Pop- und Rockkultur. Die Förderung dieser Musik wäre die logische Konsequenz vor dem Hintergrund einer dauerstreamenden Gesellschaft, in der Bands mit frischen Ideen nicht mehr jene materielle Wertschätzung erfahren können, die sie ohne die neuen Konsumangebote vielleicht gehabt hätten.

 

Das sind nur zwei der dreizehn Lieder auf dem neuen Album, aber auch in anderen Stücken hält die Band den umkritischen Medienkonsumenten, den moralinsauren Dauerempörten und den narzisstischen Selbstoptimierern mit Humor und einem Schuss Ironie den Spiegel vor. Eine reine Spaßband ist die Band aus Hamm nicht, auch wenn ihre Auftritte durch eine kluge Selbstironie und Situationskomik begleitet wird. Aber wie kann man sonst die Unbilden unserer Zeit ertragen, wenn diese nicht durch Lachen konterkariert werden?

Eine Einführung in die Kehrseite der Musik

Der Schriftsteller Frido Mann führt die Leser in einem autobiographisch gefärbten Essay durch die europäische Musikgeschichte. Er untersucht in dem Werk die Doppelbödigkeit der Musik. Nicht der reine ästhetische Aspekt steht im Vordergrund seiner Analyse, sondern die verführerische und einflussnehmende Seite der Musik.


Frido Mann gehört zu den vielseitig begabten deutschsprachigen Intellektuellen. Wissenschaftlich hat er sich auf dem Gebiet der Psychologie und Theologie einen Namen gemacht, auf künstlerischem Gebiet wandelt er zwischen der Literatur und Musik. Sein literarischer Erstling war der autobiographisch gefärbte Roman Professor Parsifal, in dem er sich indirekt mit der individuellen Emanzipation von der „Familie Mann“ auseinandersetzte und sein Verhältnis zum Über-Großvater Thomas Mann auslotete. Nach weiteren Romanen und Essays veröffentlichte er im Jahre 2008 die Autobiographie Achterbahn.

Im letzten Jahr publizierte der Verlag Fischer Taschenbuch den autobiographischen Essay „An die Musik“. Frido Manns jüngstes Werk war zu diesem Zeitpunkt schon länger auf dem Markt, denn schon ein Jahr vorher führte der Diederichs Verlag den Essay als E-Book in seinem Programm.

Der Titel „An die Musik“ bezieht sich einerseits auf das gleichnamige romantische Gedicht des Dichters Franz von Schober und das darauf basierende Kunstlied von Franz Schubert, welches dem Werk als Motto vorangestellt ist. Das lyrische Ich des Gedichtes besingt geradezu hymnisch die heilende und erhebende Kraft der Musik. Doch schwingt in dem Titel auch eine Anspielung an die Ode „An die Freude“ von Friedrich Schiller mit, die Beethoven in seiner 9. Sinfonie vertont hat. Denn die Musik wird auch als eine universalistische Kunst aufgefasst, die von allen Menschen verstanden wird und eine allumfassende, verbindende Wirkung hat.

Die romantisch-verklärte Sichtweise auf der Musik als Heilsbringer und Sinnstifter, die Schober in seinem Gedicht anführt („Hast mich in eine bess´re Welt entrückt!“), verweist auch auf die Schattenseite dieser Kunst.

„Die Musik ist dämonisches Gebiet […]. Sie ist christliche Kunst mit negativen Vorzeichen. Sie ist berechnetste Ordnung und chaosträchtige Wider-Vernunft zugleich, […] die der Wirklichkeit fernste und zugleich passionierteste der Künste, abstrakt und mythisch.“ So schreibt Thomas Mann in seinem Aufsatz Deutschland und die Deutschen (1945) und meint die Gefährdung durch die affektiven Wirkungen der äußerlich doch rational komponierten Musik, also den dionysischen Rausch. Das musikalische Werk spricht nicht nur die ästhetisch und erkennende Seite des Geistes an, sondern fordert auch die Empfindung und das Gefühl heraus. Doktor Faustus hätte Komponist sein sollen, klagt Thomas Mann in seinem Essay, denn im Grunde war er sich der doppelbödigen Wirkung der Musik auf das Individuum bewusst.

Frido Mann versucht in seinem autobiographischen Essay, genau diese Gratwanderung zwischen der „aufbauenden und der verführerischen Kraft der Musik“ im Ablauf der neueren Musikgeschichte genauer zu untersuchen. Die Textsorte Essay behandelt ein kulturelles Phänomen ausgehend von einer bestimmten Fragestellung. In dem Eingangskapitel seines Werkes stellt Frido Mann dem Leser daher einen umfangreichen Fragenkatalog vor, den er in seiner Analyse behandeln möchte. Er geht in einer historischen Längsschnittanalyse vor und erläutert die musikhistorische Entwicklung in Europa von der Renaissance bis zur Moderne. Der Autor konzentriert sich auf den üblichen Kanon der Komponisten: von Monteverdi über Bach, die großen Drei der Wiener Klassik bis zu den bekannten Vertretern Neuen Musik wie SchönbergHenze und Stockhausen. Garniert wird die Analyse durch persönliche musikalische Erfahrungen und Gespräche mit Musikern, die eine persönliche und subjektive Ebene zur sachlichen Analyse hinzufügt.

Schon im einleitenden Kapitel zeigt sich deutlich, dass sich die autobiographischen Sequenzen und die historischen Analysen zu einer Einheit ergänzen. Zur Verdeutlichung des im Essay zu diskutierenden musikalischen Phänomens, also die Dämonie in der Musik, erzählt Frido Mann in den ersten Abschnitten des Kapitels von der Vorstellung eines Dokumentarfilms über den Komponisten Norbert Schultze anlässlich einer Lesung in Brasilien. Eine Filmsequenz hebt der Autor in seiner Erinnerung besonders hervor: als der Komponist Schultze von dem Moment berichtet, in dem der Propagandaminister Goebbels in die Partitur eines Parteiliedes eingreift, um mittels einer Kunstpause einen rhetorischen Effekt zu erzeugen. Hier zeigt der Autor seinem Leser ganz konkret, wie die Musik als Medium für Ideologien und politische Ideen genutzt werden kann.In der Darstellung der Musikgeschichte fällt auf, dass er neben der Betrachtung der allmählichen Loslösung der Musik aus dem sakralen Bereich auch auf die historischen Anfänge der modernen Tonalitätsauflösung eingeht. Diese Beispiele aus der Vormoderne sollen insbesondere den interessierten Laien auf eine nicht unumstrittene Epoche der Musikgeschichte einstimmen: die musikalische Moderne. Frido Mann behandelt die Entstehung der Neuen Musik um Arnold Schönberg ausführlich, da gerade dieser Komponist im Schlüsselwerk seines Großvaters eine besondere Rolle einnimmt. Der Thomas Mann-Enkel bleibt zu den Nachfolgern jener Zweiten Wiener Schule auf emotionaler Distanz, auch wenn er die Intentionen der Nachkriegsavantgarde, nämlich die Reaktion auf den emotionalen Missbrauch der Musik durch den Nationalsozialismus, anerkennt:

„Anders als die noch expressiv ausgerichtete und um Wahrheitsfindung bemühte Zwölftontechnik Schönbergs ist die serielle Musik in meinen Augen nicht nur eine ästhetikfreie, sondern auch sinn- und wertfreie, reine Mathematisierung von Musikverläufen ohne erkennbare Emotionalität, gefangen in einem ausgeklügelten System aus immer gleichzeitig, einzuhaltenden verschiedenen Tonreihungsprinzipien und -regeln.“

Als „Hoffnung in der Hoffnungslosigkeit“ sieht Frido Mann die Komponisten der Postmoderne, die sich von musikideologischen Zwängen lösen und als offen für musikalische Experimente zeigen.

Natürlich könnte man meinen, dass ein Blick in ein gängiges Musiklexikon die Lektüre dieses Essays mühelos ersetzen könnte, doch Frido Mann erzählt den Ablauf der europäischen Musikgeschichte für den musikalischen Laien klar, verständlich und in vielen Passagen auch unterhaltsam. Durch den gelegentlichen Einschub von autobiographischen Passagen und persönlichen Einblicken in die eigene Musikerfahrung vermeidet der Autor ein Abdriften in allzu theoretische Diskurse. Sprachlich bleibt er wohltuend sachlich und vermeidet auch bei den subjektiven Erinnerungen jeden übertriebenen Pathos.

Bibliografische Angabe:

Frido Mann: An die Musik. Ein autobiographischer Essay.Fischer Taschenbuch Verlag 2015. 332 S., 10,99 €. ISBN: 978-3-596-03376-8.

Artikel erschien zuerst in der Januar-Ausgabe der Zeitschrift „Die Tonkunst“ im Jahr 2017: Dickel, Matthias: Rezension zu „Frido Mann: An die Musik. Ein autobiographischer Essay“ In: DIE TONKUNST, Weimar, Heft I/2017, S. 93 – 94.

Wolfram Siebeck: Über den Tellerrand hinaus

In den siebziger und achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts stieg der Journalist Wolfram Siebeck zum Papst der Restaurantkritiker in Deutschland auf. Mit spitzer Feder und einem außergewöhnlichen Geschmackssinn versuchte er seinen Landsleuten die feine Küche nahezubringen. In der Nachkriegszeit verschmähte er das Allerlei deutscher Küche: die dicken Saucen, den trockenen Sonntagsbraten und die fettäugigen Suppen. Nach einer Anstellung als Pressezeichner, stieg Siebeck als Kolumnist bei der Jugendzeitschrift Twen ein. Sein Aufstieg begann mit der Anstellung bei der Wochenzeitung „Die Zeit“, für die er regelmäßig seine Kolumnen und Restaurantkritiken schrieb. Im hohen Alter von 83 Jahren starte Siebeck noch einen Reiseblog „Wo is(s)t Siebeck – Ein Reisetagebuch“. Er verfasste dort seine Beiträge bis zum Jahr 2015.

Siebeck eckte mit seinen Artikeln gerne an, seine Mission war die Verfeinerung der deutschen Tischkultur. Über die Hausmannskost rümpft er noch in seinem letzten Buch „Über den Tellerrand hinaus. Essenzen eines Jahrhundertgourmets“ seine feine Nase. Für ihn ist es das primitive Armeleuteküche, basierend „auf den allernötigsten Kenntnissen“. Die nostalgischen Erinnerungen an (Groß-)Mutters Küche wollte er den Leuten gehörig vermiesen und schrieb mit satirischer Manier gegen Fast Food, Fertiggerichte und den Niedergang der Tischsitten an.

Mit seinem letzten Werk, das 2018 mit einem Vorwort seines Freundes Eckart Witzigmann erschien, hinterließ der Altmeister und Grandseigneur der deutschsprachigen Restaurantkritiker sein Vermächtnis. Im altbewährten Stil, mal ironisch, manchmal spitzzüngig, wetzt er noch einmal in etwas über 80 kleinen Beiträgen die Messer, um über den modernen Status quo der bürgerlichen Kochkultur zu räsonieren. Die Stichworte seines Küchen-ABC reichen von A wie Aberglaube bis W wie Wagyu. Er läuft in diesem Buch immer dann zur Bestform auf, wenn er in die Töpfe der heimischen Haushalte blickt: den Trend zur Biokost zerpflückt er mit dem skeptischen Blick eines Gourmets, über den Hang der Deutschen zur Currywurst schüttelt er verdrossen sein Haupt, die heimische Ess- und Restaurantkultur betrachtet er zuweilen resignierend, obwohl er ab und zu in einen belehrenden, altväterlichen Ton verfällt, wenn er den in Restaurants überforderten Eltern Tipps zu den Tischmanieren ihrer Kleinen geben möchte: „Es ist auch ratsam, Kindern ihren Apfelsaft … in langstieligen Weingläsern zu kredenzen“. Dann wirken seine Beiträge übertrieben altmodisch.

Der Leser, welcher noch das ein oder andere Rezept oder eine Zubereitungsempfehlung erwartet, wird in diesem Buch nicht enttäuscht: Siebeck stellt perfekte Methoden zur Fischzubereitung vor, enthüllt die Geheimnisse eines gelungenen Risottos und gibt Hinweise zur Herstellung eines schmackhaften Kalbsfonds. Den Abschluss seines Buches bildet eine kleine, poetische Betrachtung zum Glücklichsein. Das Glück sei für ihn die Summe kleiner Freuden, dazu gehöre auch an nichts zu glauben, was Autoritäten verkünden. Vielleicht weil alle Kritik auch immer nur relativ ist.

Das nachgelassene Werk „Über den Tellerrand hinaus“ des bekannten Restaurantkritikers besteht aus einer Ansammlung einiger amüsanten Kurzkolumnen und manchen wie aus der Zeit gefallenen wirkenden Beiträge. Ein kleiner Nachschlag zum Dessert, so vergänglich wie süß-saures Zitroneneis an einem heißen Sommertag. Wer den meisterlichen Stil des Autors noch einmal in Gänze genießen möchte, sollte lieber auf seine Frühwerke zurückgreifen.

Wolfram Siebeck: Über den Tellerrand hinaus. Essenzen eines Jahrhundertgourmets. Ludwig Verlag, München 2018. ISBN: 978-3-453-28102-8. Erschienen am 26. März 2018

Kafkas Sommerbrief an Max Bord

Der Beginn des Sommers hat immer etwas Verheißungsvolles. Die leichte, vom Duft der Gräser und Blumen durchtränkte Luft, das Sirren der Grillen und Summen der nach süßem Nektar suchenden Bienen, die wärmenden Strahlen auf der Haut, die lauen Abendnächte, all diese Dinge verändern unsere Wahrnehmung der uns umgebenden Welt und hegen geheime Hoffnungen. Im Reiz des Sommers offenbaren sich unsere Träume und Sehnsüchte. Es ist, als ob diese, irgendwo im Dunkeln unseres Herzens liegend, im Lichte dieser Jahreszeit wie zarte Setzlinge aufkeimen und gedeihen. Gut, dass wir Franz Kafka haben: Einer der ersten Briefe an seinen Freund Max Brod, es ist der vom 29.8.1904, beschreibt die Stimmung an einem Sommeranfang mit seinen Tagträumen, großen Ideen und seinen Zerstreuungen. Doch am Ende des Sommers kehrt die große Ernüchterung ein: Irgendwie ist die Zeit rasend vergangen, am Ende bleibt von den großen Verheißungen nichts mehr übrig, außer der Gewissheit des nächsten Sommers.

Apple bringt die neue Generation des iPhone SE raus

Überraschend hat am 15.4.2020 hat Apple in einer Pressemeldung die neue Generation des iPhone SE vorgestellt. Der Nachfolger des Smartphones aus dem Jahr 2016 bietet den Kunden ein kompaktes und preisgünstiges iPhone in Kombination mit der aktuellen High-End-Technik. Das neue Modell kann seit dem 24.4.2020 im Apple Online-Store bestellt werden.

Foto: Apple Inc.

Gedanken an einem frühen Morgen

Wie wohl können einem neue Gedanken bei einem guten Gespräch, wie hoffnungsvoll und heilend die Lektüre eines Werkes seines Lieblingsdichters sein. Das plötzliche Aufbegehren verborgener Kräfte.

Erinnerungen. Ein Versuch

Die Bilder der Kindheit verblassen mit dem fortschreitenden Alter. Mit vierzig Jahren steht man an einem Scheitelpunkt des Lebens. Es ist Zeit für eine kurze Rückschau des Gewesenen und Erreichten. Glückliche Augenblicke kreuzen die Wege tiefer Verletzungen, längst vergessene, schemenhafte Zeitgenossen durchstreifen verschwommene Landschaften, ächzend trägt man die Felsblöcke schwerer Verfehlungen auf dem gebeugten Rücken.

#1 Nachts lag ich in einem Kinderbett. Wir wohnten in einem kleinen Dorf, weit von der Großstadt entfernt. Im Zimmer brannte etwas Licht. Ich war alleine in meinem Zimmer und starrte unentwegt den Lampenschirm an. Ein schwarzer, sich schnell bewegender Schatten auf dem Schirm irritierte mich. …

Wigbert – Der vollständige Versuch

Es war der erste Frühlingssonntag, als sich Wigbert in den Garten begab, den er in Zeiten der Suche nach künstlerischer Inspiration besuchte. Die Sonne zeigte sich in ihrer mittäglichen Him­melsstellung, die Bienen und Hummeln umschwärmten die erblühten Kelche der Rosen und der Wind hauchte den Bäumen und Sträuchern eine sanfte Lebensbewegung ein. Wigbert suchte in dem Moment dunkler Vorahnung diese Stille der Natur. Er sog mit einem langen Aufblähen seines Brustkorbes den süßen Duft der Blumen und des frischen Grases in seine Lungen – und sein ganzer Körper fiel in eine Entspannung, die ihn eins werden ließ mit der in sich ruhenden Leichtigkeit seiner Umgebung.[1]

Doch etwas beunruhigte ihn. In seinem Kopf flatterten wieder wirre Ideen und verzerrte Bilder, Abbilder einer momentanen Seelendurchwanderung. Er versuchte seine Gedanken zu ordnen, den Ahnungen und Grillen Herr zu werden. Es half nichts, mit einem flirrenden Blick durchmaß er den Garten nach einem Ruhepunkt, der ihm sein inneres Gleichgewicht wiedergeben könnte. Dicht neben dem alten, knorrigen Apfelbaum, am verwitterten Holzzaun, wuchs eine wunderliche gelbe Blume. Ihr trompetenartiger Kelch und die weit aufgerissenen Blüten faszinierten ihn. Er kniete sich in Gras und betrachtete den zarten und feingliedrigen Aufbau dieser Pflanze. Die Blüten sahen aus, als ob Sie mit ihm in Kontakt treten wollten. Er neigte seinen Kopf ganz schräg zu dieser Blume, um ihre leise Stimme zu vernehmen. Aus der Nähe konnte man ein sanftes Bewegen der Lippen bei Wigbert erahnen. Es schien, dass er ihren anziehenden Gesang für sich deutete und in menschliche Worte übersetzte. Göttliche Stimmen hörte er aus ihrem Mund, ganz nah sah er sich in den Händen der Mächte, speiste an ihren Tischen, trank ihren blutroten Wein. Er spürte eine mächtige Hand, die ihn niederdrückte und wieder aufhalf. Der Glanz goldener Strahlen zeichnete sich an seinem Körper ab, er fühlte sich gestärkt und erhaben, als könnte er den Lauf der Welt verändern.

Wigbert erhob sich, ihm war ein wenig schwindelig, deshalb stützte er sich mit seiner linken Hand am Stamm des Apfelbaums ab. Sein Gesicht, mit sanften Zügen geschnitten, verfärbte sich in einen leicht weißen Ton. Doch nach einer kurzen Pause, eines tiefen Atemholens, fasste er sich.

Malen, ich muss diese wunderschöne Blume malen. Ihre innere Kraft will ich verewigen. Wo ist nur meine Staffelei? Das Goldgelb der Blüten soll den hellblauen Himmel kontrastieren. Der dunkle Schatten des Stängels soll sich mit dem Grün der Wiese mischen. Ihre Wurzeln sollen das bittere Blut der Götter aus der Erde saugen, das sie für uns zur ewigen Vereinigung vergossen haben.

Wigbert drehte sich in Richtung des weißen Pavillons. Dort stand eine in fahlem Grau gekleidete Person in unförmiger, wallender Bekleidung. Ihre Mundwinkel verzogen sich nicht ganz eindeutig zu einem sparsamen, aber einladenden Lächeln. Stand die Person ganz still, so schmiegte sich der leichte Stoff des Mantels und des Beinkleides um die Glieder und es deutete sich ein kräftig gebauter Körper an. Ein ins gelblich gehender Haarkranz zierte den Kopf, eine eingedrückte Nase und schmalen Lippen veredelten das Antlitz. Wigbert sah der grauen Person fragend ins Gesicht.

Wird er die Leinwand und meine Ölfarben gesehen haben? Wo habe ich die Malutensilien beim letzten Mal abgelegt?

Die graue Person streckte ihren langen Arm in Richtung des Gartenhauses aus, nur der ebenmäßig gestaltete Zeigefinger blieb in Richtung des Zieles gerichtet. Wigbert öffnete die etwas schwergängige Tür des Häuschens und schaute in das Innere. Neben Gartengeräten, die vereinzelt an der Wand hingen oder von einem Gärtner an die Holzwand gelehnt wurden, lag auf einem mit Schrauben an die Wand montiertes Regal seine Malerausstattung. Mit eiligen Griffen nahm er sich die Staffelei, die weiße Leinwand und die Farbtöpfe. Er platzierte die Staffelei nur wenige Schritte vom Apfelbaum entfernt. Wigbert musterte die Blume und murmelte, während er mit leichten Strichen und dichten Punkten das Gesehene in die Sprache der Malerei übersetzte, unverständlich anmutende Beschwörungen. In einigen Momenten hielt er kurz inne, zerzauste mit beiden Händen seine Haare, lachte nervös in sich hinein. Seine Pinsel tunkte er unbeholfen wie ein kleines Kind in die Farbtöpfe, die Tuben wirkten zerdrückt und zerknautscht. Mit seinen zittrigen Händen versuchte er die Trompetenblüten zu erfassen. Wigberts Jeanshose und die Turnschuhe sahen zerschlissen aus, ein weißes T-Shirt schlackerte um seinen dürren Oberkörper. Er wirkte wie ein asketischer Philosoph in einem mit überreifen Früchten und exotischen Blumen überladenden Ziergarten.

In seiner konzentrierten Arbeit bemerkte Wigbert nicht, dass plötzlich ein alter Mann in einem kittelartigen weißen Mantel hinter ihm stand und zögernd, fast väterlich, eine Hand auf seine Schulter legte. Auf seinem Kopf trug der Herr einen grauen Hut, der wie eine halbe Melone aussah. In dem Hutband steckten links und rechts kleine Gänsefedern.

„Was für ein schöner Frühlingstag, Wigbert! Riechen Sie nicht auch den frischen Duft der Gräser und der Blumen? Ein bisschen Pinseln kräftigt den Geist, nicht wahr? Was malen sie denn da?

Wigbert erschrak ob der Ansprache und Neugier des alten Herrn, den er den „Direktor“ nannte; mit seiner Anwesenheit hatte er nicht gerechnet. Ein ekelhaftes Schaudern durchzog seinen Körper. Der Direktor näherte sich seinem Bild und versucht Formen und Farben zu erkennen. Er beugte seinen Kopf so nah an das Bild, dass Wigbert glaubte, der Direktor versuche in dieses hineinzusteigen. Eine Deutung des Bildes gelang dem Mann mit dem kittelartigen Mantel nicht.

Er versteht mein Bild nicht. Der Direktor muss doch die gelbe Blume erkennen?

Wigbert verspürte Schmerzen in seinem Kopf und rieb sich mit verzweifelter Geste an seiner Nase. Er senkte sein Haupt und sah auf sich herunter. Das T-Shirt war über und über mit roten Farbflecken bespritzt. Er verspürte den unweigerlichen Drang zu brüllen und mit seinen Händen in die leere Umgebung zu schlagen. Der graue Wächter vom weißen Pavillon stand plötzlich neben ihm und hielt nun seine Arme fest. Wigberts Blick verengte sich in diesem Augenblick, er sah nur noch den blauen Himmeln und eine rötlich scheinende Sonne. Er spürte, wie ihm der Mund geöffnet und eine zuckrige Pille auf seine trockene Zunge gelegt wurde. In einem Moment der Entspannung neigte er seinen Kopf zum Direktor. Dieser wies mit seinem Arm in Richtung des mit Türmen besetzten Herrenhauses. Einige Besucher traten aus der Verandatür. Eine elegante Frau mit aufgespanntem Schirm und weitem Rock, dazu zwei Kinder in weißen Leinenkleidern. Wigbert vernahm noch das laute Lachen und Winken, während seine Augenlider immer schwerer wurden und sich schlossen.

[1]         Der erste Absatz der Kurzgeschichte wurde schon im Jahre 2017 auf meinem Blog http://www.literaturundgesellschaft.com veröffentlicht

Frida Leider – Eine Sängerin im Zwiespalt ihrer Zeit

Die Musikwissenschaftlerin Eva Rieger veröffentlichte im Georg Olms Verlag eine Biographie über die hochdramatische Sopranistin Frida Leider (1888-1975). Bekannt und international gefeiert wurde die Opernsängerin in den 20er und 30 er Jahren für die herausragende Interpretation der Wagnerschen Opernfiguren Brünnhilde und Isolde. Den Höhepunkt ihrer Karriere erlebte sie, verheiratet mit einem jüdischen Musiker, auf dem Bayreuther Hügel im Angesicht der Protagonisten des nationalsozialistischen Regimes.

Von Matthias Dickel, M.A.

Die Aussicht auf eine gesicherte Existenz bei einer Bank war für Frida Leider nicht erstrebenswert. Mit Ehrgeiz und Entbehrungen studierte sie neben ihrem Hauptberuf Gesang, um ihren sehnlichsten Traum zu erfüllen: Opernsängerin. Zu Beginn ihrer jungen Karriere konnte sie noch nicht damit rechnen, dass sie einmal ein weltweit gefeierter Star am Opernhimmel werden wird. Ihr Weg führte erst einmal über Provinzbühnen an die Staatsoper Berlin. Der Intendant Max von Schillings engagierte sie für ein Tristan und Isolde-Gastspiel. Im Jahr 1928 folgten die ersten Engagements im europäischen Ausland und in den USA. Mit ihren internationalen Gastspielen wurde sie auch für die Wagnerfamilie im fernen Bayreuth interessant. In den folgenden Jahren gehörte sie dort zur Stammbesetzung für den Ring-Zyklus.

Doch mit dem aufkeimenden Nationalsozialismus in den dreißiger Jahren wurde das Engagement für Frida Leider zu einem Schicksalsspiel für ihre Karriere. Der Wagner-Enthusiast Adolf Hitler war ein gern gesehener Gast auf dem Hügel, der von der Wagner-Familie kratzfüßig hofiert wurde. Leiders Ehe mit einem jüdischen Musikprofessor geriet in den Fokus des nationalsozialistischen Rassenwahns. 1938 musste sie, aufgerieben durch die Ängste um ihren Ehemann und haltlosen Verleumdungen, ihren Platz für die von dem Regime präferierte Marta Fuchs räumen. 1942 trat sie noch ein letztes Mal als Opernsängerin auf.

Die Musikwissenschaftlerin Eva Rieger hat nun dieser Sängerin, die einst mit Lotte Lehmann in einem Atemzug genannt wurde, eine umfangreiche Biographie gewidmet. Es verwundert schon, dass Frida Leider als erstrangige Opernsängerin mit den Jahren aus dem kulturellen Gedächtnis verschwunden ist. Noch in der Nachkriegszeit war ihre Bedeutung so groß, dass Walter Legge, damals einer der wichtigsten Schallplattenproduzenten des Jahrhunderts, ohne Leider keinen Ring des Nibelungen mehr aufnehmen wollte.

Für die Biographie konnte Eva Rieger neben der Autobiographie der Sängerin, auch noch auf unbekanntes Quellenmaterial aus dem Nachlass von Frida Leider zurückgreifen. Schon aus dem Untertitel Sängerin im Zwiespalt ihrer Zeit lässt sich der thematische und zeitliche Schwerpunkt dieser Lebensbeschreibung erkennen. Der Höhepunkt ihres Lebensweges, das Engagement in Bayreuth, führte sie, durch die politischen und sozialen Zeitumstände, in ein unlösbares Dilemma. Kann die Kunst hermetisch, d. h. unbeeindruckt von politischen Einflüssen, existieren? Die These, dass Kunst, besonders die Musik, nicht autonom ist, sondern ideologisch vereinnahmt werden kann und dass dem Künstler daraus eine besondere Verantwortung zukommt, möchte Eva Rieger anhand dieser Biographie belegen.

Der Autorin gelingt es aber nicht überzeugend, die Sängerin als ein exemplarisches und herausgehobenes Schicksal im Dilemma mit der nationalsozialistischen Ära darzustellen. Man kennt schon zu genüge die Lebenswege vieler Künstler im Dritten Reich, die das System stützten, mit der Masse mitliefen oder sich dem Regime durch Rückzug entzogen. Frida Leider lebte, wie der Musikwissenschaftler Stephan Mösch schon im Vorwort erwähnte, ein ganz unspektakuläres Leben. Die Opernsängerin verfolgte ihre Karriere nüchtern und mit klarem Blick: keine Affären, keine Eskapaden. Einblicke in ihr Seelenleben legte sie auch in ihrer Autobiographie Das war mein Teil nur spärlich offen.

Genau hier liegt auch eine Schwäche in der Biographie. Der Leser erfährt trotz der Nähe zur Autobiographie nicht wirklich Persönliches über die Opernsängerin. Selbst dort wo die ein oder andere Anekdote wiedergegeben wird, unterlässt es die Autorin, Frida Leider direkt zu Wort kommen zu lassen. Durch die zahlreichen historischen Exkurse und Rückgriffe schwimmt die Biographie zwischen einer allgemeinverständlichen und wissenschaftlichen Biographie. Damit dem Leser die Tragik des Lebens der Opernsängerin deutlich wird, baut Eva Rieger Hitler als Antipoden der Sängerin auf. Es ist klar, dass beide von Richard Wagners Inszenierungsideen gelernt haben und die Autorin damit die ideologische Intoxikation der Wagnerschen Musik deutlich machen wollte. Doch kommt dieser Vergleich zu dick aufgetragen, gemacht-dramatisch und unausgegoren daher.

Die Kapiteleinteilung erfolgt chronologisch und hangelt sich an der Autobiographie entlang. Man merkt der Biographie die Nähe zu den autobiographischen Publikationen der Opernsängerin an; Lücken füllt die Autorin mit Vermutungen und Ausdeutungen. An diesem Punkt macht die Autorin einen Schritt zu wenig, indem sie die Lebensäußerungen Frida Leiders nur mit eigenen Worten paraphrasiert. Sie mag im Ansatz recht behalten, wenn sie der Opernsängerin zugesteht, ihr Leben so zu erzählen, wie sie es als wahr empfunden hat. Trotzdem müssen in einer historischen Darstellung die selbstbiographischen Äußerungen von Persönlichkeiten kritisch geprüft und hinterfragt werden.

Es hätte dem Werk gutgetan, wenn man die noch nicht ausreichend erforschte Quellenlage akzeptiert und als Chance genommen hätte, anstatt das Buch unnötig mit bekannten historischen Fakten aufzublähen. So bleibt zu konstatieren, dass die erste Biographie über Frida Leider eine stilistisch gut geschriebene Monographie ist, die unter ihren Möglichkeiten bleibt.

Bibliografische Angabe:

Eva Rieger: Frida Leider. Im Zwiespalt ihrer Zeit

Georg Olms Verlag, Hildesheim. 1. Aufl. 2016. 269 S., 22,00 €. ISBN: 978-3-487-08579-1.

Michael Schwalb: Hans Pfitzner. Komponist zwischen Vision und Abgrund

Michael Schwalb: Hans Pfitzner. Komponist zwischen Vision und Abgrund

Im Juli 2017 erschien in der Zeitschrift „DIE TONKUNST“ meine Rezension zu einer neuen Biographie über den Komponisten Hans Pfitzner. Der Musikjournalist Michael Schwalb veröffentlichte das Werk im Friedrich Pustet Verlag.

Meine Kritik schloss ich mit einem positiven Fazit: „Inhaltlich und auch handwerklich hat Michael Schwalb eine moderne Biographie über den Komponisten Hans Pfitzner vorgelegt. Dem Musikinteressierten werden nicht nur biographische Fakten über den Komponisten geliefert, mit den in den Text integrierten Informationskästen werden dem Leser noch weitergehende Hinweise zum historischen Kontext mitgegeben. Eine Sache leistet diese Biographie nach der Lektüre ganz gewiss: die Förderung der Neugier auf einen fast vergessenen Komponisten.“

Ich hätte mir in dieser Kurzbiographie eine tiefergehende Auseinandersetzung der Beziehung Pfitzners zu seinem Widersacher Richard Strauss gewünscht. „Der Unterschied in der modernen Rezeption der beiden Zeitgenossen ist der, dass Richard Strauss trotz seiner Anbiederung an das nationalsozialistische Regime vom Publikum geachtet und Hans Pfitzner wegen seiner zur Schau getragenen Andienung an das System von diesem verschmäht wird.“

Bibliografische Angabe:

Michael Schwalb: Hans Pfitzner. Komponist zwischen Vision und Abgrund.

Verlag Friedrich Pustet. Regensburg 2016. 136 Seiten. 12,95 €. ISBN: 978-3-7017-2746-2.

 

Auszug aus meiner Rezension zu Frido Mann „An die Musik“

Der Schriftsteller Frido Mann veröffentlichte im Jahr 2014 einen autobiographisch gefärbten Essay zur europäische Musikgeschichte. Der Autor wollte mit seinem Aufsatz nicht nur einfach einen anekdotisch beladenen Führer durch die Musikepochen liefern. In seinem neuen Werk betrachtet er die europäische Musikgeschichte von der philosophischen Seite und thematisiert die Doppelbödigkeit der musikalischen Rezeption. Seine These lässt sich in einem Satz zusammenfassen: Gerade weil die Musik den Hörer nicht nur ästhetisch, sondern auch emotional berührt, soll die in der Musik liegende verführerische und einflussnehmende Kraft kritisch analysiert werden.

In meiner Rezension für die Zeitschrift „Die Tonkunst“ komme ich zu folgendem Urteil:

 […]

Frido Mann versucht in seinem autobiographischen Essay [..]  diese Gratwanderung zwischen der <<aufbauenden und der verführerischen Kraft der Musik>> im Ablauf der neueren Musikgeschichte genauer zu untersuchen.

[…]

Natürlich könnte man meinen, dass ein Blick in ein gängiges Musiklexikon die Lektüre dieses Essays mühelos ersetzen könnte, doch Frido Mann erzählt den Ablauf der europäischen Musikgeschichte für den musikalischen Laien klar, verständlich und in vielen Passagen auch unterhaltsam. Durch den gelegentlichen Einschub von autobiographischen Passagen und persönlichen Einblicken in die eigene Musikerfahrung vermeidet der Autor ein Abdriften in allzu theoretische Diskurse. Sprachlich bleibt er wohltuend sachlich und vermeidet auch bei den subjektiven Erinnerungen jeden übertriebenen Pathos.

 

Bibliografische Angabe:

Frido Mann: An die Musik. Ein autobiographischer Essay.

Fischer Taschenbuch Verlag. Frankfurt a. M. 2015. 332 S., 10,99 €. ISBN: 978-3-596-03376-8.

Auszug mit freundlicher Genehmigung der Zeitschrift „DIE TONKUNST“. Der Artikel erschien in der Januar-Ausgabe des Jahre 2017: Dickel, Matthias: Rezension zu „Frido Mann: An die Musik. Ein autobiographischer Essay“ In: DIE TONKUNST, Weimar, Heft I/2017, S. 93 – 94.