Wigbert – Der vollständige Versuch

Erzählung

Wigbert

 

Es war der erste Frühlingssonntag, als sich Wigbert in den Garten begab, den er in Zeiten der Suche nach künstlerischer Inspiration besuchte. Die Sonne zeigte sich in ihrer mittäglichen Him­melsstellung, die Bienen und Hummeln umschwärmten die erblühten Kelche der Rosen und der Wind hauchte den Bäumen und Sträuchern eine sanfte Lebensbewegung ein. Wigbert suchte in dem Moment dunkler Vorahnung diese Stille der Natur. Er sog mit einem langen Aufblähen seines Brustkorbes den süßen Duft der Blumen und des frischen Grases in seine Lungen – und sein ganzer Körper fiel in eine Entspannung, die ihn eins werden ließ mit der in sich ruhenden Leichtigkeit seiner Umgebung.[1]

Doch etwas beunruhigte ihn. In seinem Kopf flatterten wieder wirre Ideen und verzerrte Bilder, Abbilder einer momentanen Seelendurchwanderung. Er versuchte seine Gedanken zu ordnen, den Ahnungen und Grillen Herr zu werden. Es half nichts, mit einem flirrenden Blick durchmaß er den Garten nach einem Ruhepunkt, der ihm sein inneres Gleichgewicht wiedergeben könnte. Dicht neben dem alten, knorrigen Apfelbaum, am verwitterten Holzzaun, wuchs eine wunderliche gelbe Blume. Ihr trompetenartiger Kelch und die weit aufgerissenen Blüten faszinierten ihn. Er kniete sich in Gras und betrachtete den zarten und feingliedrigen Aufbau dieser Pflanze. Die Blüten sahen aus, als ob Sie mit ihm in Kontakt treten wollten. Er neigte seinen Kopf ganz schräg zu dieser Blume, um ihre leise Stimme zu vernehmen. Aus der Nähe konnte man ein sanftes Bewegen der Lippen bei Wigbert erahnen. Es schien, dass er ihren anziehenden Gesang für sich deutete und in menschliche Worte übersetzte. Göttliche Stimmen hörte er aus ihrem Mund, ganz nah sah er sich in den Händen der Mächte, speiste an ihren Tischen, trank ihren blutroten Wein. Er spürte eine mächtige Hand, die ihn niederdrückte und wieder aufhalf. Der Glanz goldener Strahlen zeichnete sich an seinem Körper ab, er fühlte sich gestärkt und erhaben, als könnte er den Lauf der Welt verändern.

Wigbert erhob sich, ihm war ein wenig schwindelig, deshalb stützte er sich mit seiner linken Hand am Stamm des Apfelbaums ab. Sein Gesicht, mit sanften Zügen geschnitten, verfärbte sich in einen leicht weißen Ton. Doch nach einer kurzen Pause, eines tiefen Atemholens, fasste er sich.

Malen, ich muss diese wunderschöne Blume malen. Ihre innere Kraft will ich verewigen. Wo ist nur meine Staffelei? Das Goldgelb der Blüten soll den hellblauen Himmel kontrastieren. Der dunkle Schatten des Stängels soll sich mit dem Grün der Wiese mischen. Ihre Wurzeln sollen das bittere Blut der Götter aus der Erde saugen, das sie für uns zur ewigen Vereinigung vergossen haben.

Wigbert drehte sich in Richtung des weißen Pavillons. Dort stand eine in fahlem Grau gekleidete Person in unförmiger, wallender Bekleidung. Ihre Mundwinkel verzogen sich nicht ganz eindeutig zu einem sparsamen, aber einladenden Lächeln. Stand die Person ganz still, so schmiegte sich der leichte Stoff des Mantels und des Beinkleides um die Glieder und es deutete sich ein kräftig gebauter Körper an. Ein ins gelblich gehender Haarkranz zierte den Kopf, eine eingedrückte Nase und schmalen Lippen veredelten das Antlitz. Wigbert sah der grauen Person fragend ins Gesicht.

Wird er die Leinwand und meine Ölfarben gesehen haben? Wo habe ich die Malutensilien beim letzten Mal abgelegt?

Die graue Person streckte ihren langen Arm in Richtung des Gartenhauses aus, nur der ebenmäßig gestaltete Zeigefinger blieb in Richtung des Zieles gerichtet. Wigbert öffnete die etwas schwergängige Tür des Häuschens und schaute in das Innere. Neben Gartengeräten, die vereinzelt an der Wand hingen oder von einem Gärtner an die Holzwand gelehnt wurden, lag auf einem mit Schrauben an die Wand montiertes Regal seine Malerausstattung. Mit eiligen Griffen nahm er sich die Staffelei, die weiße Leinwand und die Farbtöpfe. Er platzierte die Staffelei nur wenige Schritte vom Apfelbaum entfernt. Wigbert musterte die Blume und murmelte, während er mit leichten Strichen und dichten Punkten das Gesehene in die Sprache der Malerei übersetzte, unverständlich anmutende Beschwörungen. In einigen Momenten hielt er kurz inne, zerzauste mit beiden Händen seine Haare, lachte nervös in sich hinein. Seine Pinsel tunkte er unbeholfen wie ein kleines Kind in die Farbtöpfe, die Tuben wirkten zerdrückt und zerknautscht. Mit seinen zittrigen Händen versuchte er die Trompetenblüten zu erfassen. Wigberts Jeanshose und die Turnschuhe sahen zerschlissen aus, ein weißes T-Shirt schlackerte um seinen dürren Oberkörper. Er wirkte wie ein asketischer Philosoph in einem mit überreifen Früchten und exotischen Blumen überladenden Ziergarten.

In seiner konzentrierten Arbeit bemerkte Wigbert nicht, dass plötzlich ein alter Mann in einem kittelartigen weißen Mantel hinter ihm stand und zögernd, fast väterlich, eine Hand auf seine Schulter legte. Auf seinem Kopf trug der Herr einen grauen Hut, der wie eine halbe Melone aussah. In dem Hutband steckten links und rechts kleine Gänsefedern.

„Was für ein schöner Frühlingstag, Wigbert! Riechen Sie nicht auch den frischen Duft der Gräser und der Blumen? Ein bisschen Pinseln kräftigt den Geist, nicht wahr? Was malen sie denn da?

Wigbert erschrak ob der Ansprache und Neugier des alten Herrn, den er den „Direktor“ nannte; mit seiner Anwesenheit hatte er nicht gerechnet. Ein ekelhaftes Schaudern durchzog seinen Körper. Der Direktor näherte sich seinem Bild und versucht Formen und Farben zu erkennen. Er beugte seinen Kopf so nah an das Bild, dass Wigbert glaubte, der Direktor versuche in dieses hineinzusteigen. Eine Deutung des Bildes gelang dem Mann mit dem kittelartigen Mantel nicht.

Er versteht mein Bild nicht. Der Direktor muss doch die gelbe Blume erkennen?

Wigbert verspürte Schmerzen in seinem Kopf und rieb sich mit verzweifelter Geste an seiner Nase. Er senkte sein Haupt und sah auf sich herunter. Das T-Shirt war über und über mit roten Farbflecken bespritzt. Er verspürte den unweigerlichen Drang zu brüllen und mit seinen Händen in die leere Umgebung zu schlagen. Der graue Wächter vom weißen Pavillon stand plötzlich neben ihm und hielt nun seine Arme fest. Wigberts Blick verengte sich in diesem Augenblick, er sah nur noch den blauen Himmeln und eine rötlich scheinende Sonne. Er spürte, wie ihm der Mund geöffnet und eine zuckrige Pille auf seine trockene Zunge gelegt wurde. In einem Moment der Entspannung neigte er seinen Kopf zum Direktor. Dieser wies mit seinem Arm in Richtung des mit Türmen besetzten Herrenhauses. Einige Besucher traten aus der Verandatür. Eine elegante Frau mit aufgespanntem Schirm und weitem Rock, dazu zwei Kinder in weißen Leinenkleidern. Wigbert vernahm noch das laute Lachen und Winken, während seine Augenlider immer schwerer wurden und sich schlossen.

[1]         Der erste Absatz der Kurzgeschichte wurde schon im Jahre 2017 auf meinem Blog http://www.literaturundgesellschaft.com veröffentlicht

Frida Leider – Eine Sängerin im Zwiespalt ihrer Zeit

Die Musikwissenschaftlerin Eva Rieger veröffentlichte im Georg Olms Verlag eine Biographie über die hochdramatische Sopranistin Frida Leider (1888-1975). Bekannt und international gefeiert wurde die Opernsängerin in den 20er und 30 er Jahren für die herausragende Interpretation der Wagnerschen Opernfiguren Brünnhilde und Isolde. Den Höhepunkt ihrer Karriere erlebte sie, verheiratet mit einem jüdischen Musiker, auf dem Bayreuther Hügel im Angesicht der Protagonisten des nationalsozialistischen Regimes.

Von Matthias Dickel, M.A.

Die Aussicht auf eine gesicherte Existenz bei einer Bank war für Frida Leider nicht erstrebenswert. Mit Ehrgeiz und Entbehrungen studierte sie neben ihrem Hauptberuf Gesang, um ihren sehnlichsten Traum zu erfüllen: Opernsängerin. Zu Beginn ihrer jungen Karriere konnte sie noch nicht damit rechnen, dass sie einmal ein weltweit gefeierter Star am Opernhimmel werden wird. Ihr Weg führte erst einmal über Provinzbühnen an die Staatsoper Berlin. Der Intendant Max von Schillings engagierte sie für ein Tristan und Isolde-Gastspiel. Im Jahr 1928 folgten die ersten Engagements im europäischen Ausland und in den USA. Mit ihren internationalen Gastspielen wurde sie auch für die Wagnerfamilie im fernen Bayreuth interessant. In den folgenden Jahren gehörte sie dort zur Stammbesetzung für den Ring-Zyklus.

Doch mit dem aufkeimenden Nationalsozialismus in den dreißiger Jahren wurde das Engagement für Frida Leider zu einem Schicksalsspiel für ihre Karriere. Der Wagner-Enthusiast Adolf Hitler war ein gern gesehener Gast auf dem Hügel, der von der Wagner-Familie kratzfüßig hofiert wurde. Leiders Ehe mit einem jüdischen Musikprofessor geriet in den Fokus des nationalsozialistischen Rassenwahns. 1938 musste sie, aufgerieben durch die Ängste um ihren Ehemann und haltlosen Verleumdungen, ihren Platz für die von dem Regime präferierte Marta Fuchs räumen. 1942 trat sie noch ein letztes Mal als Opernsängerin auf.

Die Musikwissenschaftlerin Eva Rieger hat nun dieser Sängerin, die einst mit Lotte Lehmann in einem Atemzug genannt wurde, eine umfangreiche Biographie gewidmet. Es verwundert schon, dass Frida Leider als erstrangige Opernsängerin mit den Jahren aus dem kulturellen Gedächtnis verschwunden ist. Noch in der Nachkriegszeit war ihre Bedeutung so groß, dass Walter Legge, damals einer der wichtigsten Schallplattenproduzenten des Jahrhunderts, ohne Leider keinen Ring des Nibelungen mehr aufnehmen wollte.

Für die Biographie konnte Eva Rieger neben der Autobiographie der Sängerin, auch noch auf unbekanntes Quellenmaterial aus dem Nachlass von Frida Leider zurückgreifen. Schon aus dem Untertitel Sängerin im Zwiespalt ihrer Zeit lässt sich der thematische und zeitliche Schwerpunkt dieser Lebensbeschreibung erkennen. Der Höhepunkt ihres Lebensweges, das Engagement in Bayreuth, führte sie, durch die politischen und sozialen Zeitumstände, in ein unlösbares Dilemma. Kann die Kunst hermetisch, d. h. unbeeindruckt von politischen Einflüssen, existieren? Die These, dass Kunst, besonders die Musik, nicht autonom ist, sondern ideologisch vereinnahmt werden kann und dass dem Künstler daraus eine besondere Verantwortung zukommt, möchte Eva Rieger anhand dieser Biographie belegen.

Der Autorin gelingt es aber nicht überzeugend, die Sängerin als ein exemplarisches und herausgehobenes Schicksal im Dilemma mit der nationalsozialistischen Ära darzustellen. Man kennt schon zu genüge die Lebenswege vieler Künstler im Dritten Reich, die das System stützten, mit der Masse mitliefen oder sich dem Regime durch Rückzug entzogen. Frida Leider lebte, wie der Musikwissenschaftler Stephan Mösch schon im Vorwort erwähnte, ein ganz unspektakuläres Leben. Die Opernsängerin verfolgte ihre Karriere nüchtern und mit klarem Blick: keine Affären, keine Eskapaden. Einblicke in ihr Seelenleben legte sie auch in ihrer Autobiographie Das war mein Teil nur spärlich offen.

Genau hier liegt auch eine Schwäche in der Biographie. Der Leser erfährt trotz der Nähe zur Autobiographie nicht wirklich Persönliches über die Opernsängerin. Selbst dort wo die ein oder andere Anekdote wiedergegeben wird, unterlässt es die Autorin, Frida Leider direkt zu Wort kommen zu lassen. Durch die zahlreichen historischen Exkurse und Rückgriffe schwimmt die Biographie zwischen einer allgemeinverständlichen und wissenschaftlichen Biographie. Damit dem Leser die Tragik des Lebens der Opernsängerin deutlich wird, baut Eva Rieger Hitler als Antipoden der Sängerin auf. Es ist klar, dass beide von Richard Wagners Inszenierungsideen gelernt haben und die Autorin damit die ideologische Intoxikation der Wagnerschen Musik deutlich machen wollte. Doch kommt dieser Vergleich zu dick aufgetragen, gemacht-dramatisch und unausgegoren daher.

Die Kapiteleinteilung erfolgt chronologisch und hangelt sich an der Autobiographie entlang. Man merkt der Biographie die Nähe zu den autobiographischen Publikationen der Opernsängerin an; Lücken füllt die Autorin mit Vermutungen und Ausdeutungen. An diesem Punkt macht die Autorin einen Schritt zu wenig, indem sie die Lebensäußerungen Frida Leiders nur mit eigenen Worten paraphrasiert. Sie mag im Ansatz recht behalten, wenn sie der Opernsängerin zugesteht, ihr Leben so zu erzählen, wie sie es als wahr empfunden hat. Trotzdem müssen in einer historischen Darstellung die selbstbiographischen Äußerungen von Persönlichkeiten kritisch geprüft und hinterfragt werden.

Es hätte dem Werk gutgetan, wenn man die noch nicht ausreichend erforschte Quellenlage akzeptiert und als Chance genommen hätte, anstatt das Buch unnötig mit bekannten historischen Fakten aufzublähen. So bleibt zu konstatieren, dass die erste Biographie über Frida Leider eine stilistisch gut geschriebene Monographie ist, die unter ihren Möglichkeiten bleibt.

Bibliografische Angabe:

Eva Rieger: Frida Leider. Im Zwiespalt ihrer Zeit

Georg Olms Verlag, Hildesheim. 1. Aufl. 2016. 269 S., 22,00 €. ISBN: 978-3-487-08579-1.

Michael Schwalb: Hans Pfitzner. Komponist zwischen Vision und Abgrund

Im Juli 2017 erschien in der Zeitschrift „DIE TONKUNST“ meine Rezension zu einer neuen Biographie über den Komponisten Hans Pfitzner. Der Musikjournalist Michael Schwalb veröffentlichte das Werk im Friedrich Pustet Verlag.

Meine Kritik schloss ich mit einem positiven Fazit: „Inhaltlich und auch handwerklich hat Michael Schwalb eine moderne Biographie über den Komponisten Hans Pfitzner vorgelegt. Dem Musikinteressierten werden nicht nur biographische Fakten über den Komponisten geliefert, mit den in den Text integrierten Informationskästen werden dem Leser noch weitergehende Hinweise zum historischen Kontext mitgegeben. Eine Sache leistet diese Biographie nach der Lektüre ganz gewiss: die Förderung der Neugier auf einen fast vergessenen Komponisten.“

Ich hätte mir in dieser Kurzbiographie eine tiefergehende Auseinandersetzung der Beziehung Pfitzners zu seinem Widersacher Richard Strauss gewünscht. „Der Unterschied in der modernen Rezeption der beiden Zeitgenossen ist der, dass Richard Strauss trotz seiner Anbiederung an das nationalsozialistische Regime vom Publikum geachtet und Hans Pfitzner wegen seiner zur Schau getragenen Andienung an das System von diesem verschmäht wird.“

Bibliografische Angabe:

Michael Schwalb: Hans Pfitzner. Komponist zwischen Vision und Abgrund.

Verlag Friedrich Pustet. Regensburg 2016. 136 Seiten. 12,95 €. ISBN: 978-3-7017-2746-2.

 

Auszug aus meiner Rezension zu Frido Mann „An die Musik“

Der Schriftsteller Frido Mann veröffentlichte im Jahr 2014 einen autobiographisch gefärbten Essay zur europäische Musikgeschichte. Der Autor wollte mit seinem Aufsatz nicht nur einfach einen anekdotisch beladenen Führer durch die Musikepochen liefern. In seinem neuen Werk betrachtet er die europäische Musikgeschichte von der philosophischen Seite und thematisiert die Doppelbödigkeit der musikalischen Rezeption. Seine These lässt sich in einem Satz zusammenfassen: Gerade weil die Musik den Hörer nicht nur ästhetisch, sondern auch emotional berührt, soll die in der Musik liegende verführerische und einflussnehmende Kraft kritisch analysiert werden.

In meiner Rezension für die Zeitschrift „Die Tonkunst“ komme ich zu folgendem Urteil:

 […]

Frido Mann versucht in seinem autobiographischen Essay [..]  diese Gratwanderung zwischen der <<aufbauenden und der verführerischen Kraft der Musik>> im Ablauf der neueren Musikgeschichte genauer zu untersuchen.

[…]

Natürlich könnte man meinen, dass ein Blick in ein gängiges Musiklexikon die Lektüre dieses Essays mühelos ersetzen könnte, doch Frido Mann erzählt den Ablauf der europäischen Musikgeschichte für den musikalischen Laien klar, verständlich und in vielen Passagen auch unterhaltsam. Durch den gelegentlichen Einschub von autobiographischen Passagen und persönlichen Einblicken in die eigene Musikerfahrung vermeidet der Autor ein Abdriften in allzu theoretische Diskurse. Sprachlich bleibt er wohltuend sachlich und vermeidet auch bei den subjektiven Erinnerungen jeden übertriebenen Pathos.

 

Bibliografische Angabe:

Frido Mann: An die Musik. Ein autobiographischer Essay.

Fischer Taschenbuch Verlag. Frankfurt a. M. 2015. 332 S., 10,99 €. ISBN: 978-3-596-03376-8.

Auszug mit freundlicher Genehmigung der Zeitschrift „DIE TONKUNST“. Der Artikel erschien in der Januar-Ausgabe des Jahre 2017: Dickel, Matthias: Rezension zu „Frido Mann: An die Musik. Ein autobiographischer Essay“ In: DIE TONKUNST, Weimar, Heft I/2017, S. 93 – 94.

Wiedergelesen: Das Echolot. Ein kollektives Tagebuch. Januar und Februar 1943

Von Matthias Dickel, M.A.

Der Penguin Verlag legt einzelne Werke des Autors Walter Kempowski neu auf. Im Jahre 2016 startete der Verlag mit der Neuauflage des schon lange vergriffenen zweiten Teils des Echolot-Projektes, die den Leser die dramatischen Ereignisse in der Zeit Januar und Februar 1943 nacherleben lässt: die Schlacht um Stalingrad, die Hinrichtung der Geschwister Scholl und Goebbels Aufruf zum totalen Krieg.

Der Beginn des zweiten Weltkrieges liegt nun schon über siebzig Jahre zurück. Viele Namen, Schlachten und politische Ereignisse sind im Laufe der Jahre verblasst oder vergessen. Ein Verstehen dieses Teils der Geschichte setzt mit der Vergegenwärtigung des Vergangenen ein. Dies geschieht am leichtesten über zeitgenössische Quellen oder das Befragen von Zeitzeugen. Doch auch die letzten Zeitzeugen werden bald nur noch Namen und Daten sein, was bleibt sind ihre Erinnerungen, mit denen wir, falls diese schriftlich oder mündlich festgehalten wurden, wenigstens eine Ahnung von dem erlebten Leid und Glück erhalten können.

Im kollektiven Gedächtnis verbleiben die überlieferten Erinnerungen in Form von Geschichten, Denkmälern oder anderen kulturellen Objektivationen. Die Literatur prägt besonders diese Form des Gedächtnisses, da sie als Speicher- und Zirkulationsmedium spezielle Funktionen in sich trägt. Walter Kempowski hat mit seinem mehrbändigen Werk „Das Echolot“ versucht, die Stimmen vieler einzelner Personen einzufangen und in einen Zusammenhang zu setzen. Es steht abseits der traditionellen narrativen Geschichtsschreibung, da das Werk einerseits eine unkommentierte Dokumentation verschiedener Stimmen aus unterschiedlichen Quellen darstellt, andererseits durch die Collagetechnik zu einem einzigartigen Kunstwerk wird, welches speziellen ästhetischen Kompositionsmustern folgt.

Walter Kempowski versuchte schon in frühen Jahren sein Lebensschicksal auf besondere Weise zu verarbeiten. Schon kurz nach seiner Entlassung aus dem Zuchthaus Bautzen, begann er seine Erfahrungen als politischer Häftling niederzuschreiben und in Bildern zu skizzieren. Sein Schicksal und das seiner Leidensgenossen sollte nicht ungehört bleiben. Seine Erinnerungen wurden zum Grundstein seines literarischen Archivs.

Im März 1978 notierte der Schriftsteller seine Idee zur Gründung eines Archivs für ungedruckte Lebenserinnerungen. Am Neujahrstag des Jahres 1980 eröffnete Walter Kempowski offiziell sein Archiv und veröffentlichte in der Wochenzeitung „Die Zeit“ eine Suchanzeige. Die Resonanz war schon im ersten Monat seiner Gründung überraschend groß. Kempowski sammelte neben den Lebensbeschreibungen auch historische Photographien, Briefwechsel und Tagebücher.

Für Kempowski wird die Geschichte erfahrbar im erlebten Alltag der Menschen; ihre Lebensformen und Denkhaltungen werden vor dem Gesamtzusammenhang der historischen Entwicklung dechiffrierbar. Damit verweisen die Schicksale und Lebenswege in die Gegenwart und werden zum Spiegel der persönlichen Lebensanschauung.

In dem Collagenwerk „Das Echolot“ verzichtet Kempowski auf eine Erzählerstimme, die das Geschehen kommentiert und in einen Erzählfluss einbettet. Dadurch verwischen die Grenzen zwischen den einzelnen Stimmen, die Personen stehen gleichwertig nebeneinander. Es besteht die Gefahr eines naiven Geschichtsbildes, indem „die Guten, auch immer ein wenig böse sind, und die Bösen, auch von einer Mutter geboren wurden.“[1] Dieser intendierte Tabubruch stieß bei den Rezensenten auf Kritik, die in diesem Gestaltungsprinzip eine Verharmlosung der Geschichte vermuteten, da die Grenzen zwischen Täter und Opfer aufgehoben würden.

Mit der Komposition und dem Arrangement der verschiedenen Einzelstimmen soll das Vergangene begreifbarer gemacht werden. Gerade durch die unkommentierte Zusammenstellung soll dem Leser ein unmittelbares Einfühlen in den geschichtlichen Kontext ermöglicht werden, denn die fehlende Relativierung des Gesagten durch einen Erzähler ermöglicht dem Leser eine eigenständige Auseinandersetzung mit den Erlebnissen und Aussagen der Stimmen. Die unausgesprochene Aufforderung zur selbständigen Erarbeitung des geschichtlichen Hintergrundes ist das geschichtspädagogische Prinzip des Schriftstellers Kempowski.

Die Frage nach der Schuld und den Ursachen kann und will der Autor in seinem Werk nicht beantworten; dem Leser verbleibt letztendlich die Aufgabe, Aufklärungsarbeit zu leisten. Das Echolot kann keine vollständige Abbildung des Geschichtsverlaufs leisten. Es soll der Prozess der Geschichte nicht mittels der offiziellen Quellen dokumentiert werden, sondern der Autor sucht dessen Auswirkungen im Alltäglichen und Individuellen. Kempowski formulierte in einem Interview dies so: „Das Allerprivateste ist auch das Allgemeinste.“

Die Quellen, auf die sich Kempowskis Werk stützen, bestehen zumeist aus veröffentlichten und unpublizierten Autobiographien, Memoiren, Tagebücher, Briefwechsel und auch Fotografien. Dabei sind die bürgerlichen Zeitzeugen, also Angestellte, Akademiker, Ärzte usw. eindeutig überrepräsentiert. Unter den Soldaten finden sich eindeutig viele, bei denen man einen höheren Bildungsabschluss vermuten kann. Der Anteil der Schriftsteller und anderer Künstler ist überraschend hoch. Die Darstellung im Sinne einer „Geschichte von unten“ ist in diesem Falle nur bedingt möglich.

Doch geht es Kempowski weder um die Rekonstruktion eines kausalen Geschichtsverlaufs, noch um eine Geschichtsschreibung im Sinne der „Oral history“. Das Echolot bleibt ein literarisches Werk, das ästhetischen Regeln folgt und von der Wechselbeziehung zwischen Autor und Leser lebt. Kempowskis Interesse folgt letztendlich der Fragestellung: „Wie wird Geschichte wahrgenommen, wie äußert sie sich in der Sprache und welche Eigendynamik entwickelt sie in der Erinnerung?“[2]

Walter Kempowski hat mit seinem Werk „Das Echolot“ versucht, in einem kollektiven Tagebuch individuelle Erinnerungen miteinander zu verknüpfen und ihnen in einem neuen Kontext einen anderen, umfassenderen Bedeutungszusammenhang zu geben. Durch den multiperspektivischen Rahmen überlässt der Autor dem Leser die Erarbeitung der Themen und Hauptfiguren. Es bleibt somit dem Leser überlassen, die zentralen Botschaften und Figuren des Werkes herauszuarbeiten und die eigene, ganz persönliche Version der historischen Ereignisse zu erzählen.

Bibliografische Angabe:

Walter Kempowski: Das Echolot Ein kollektives Tagebuch. Januar/Februar 1943. Penguin 2016. 3.056 Seiten. ISBN: 978-3-328-10076-8. € 98,00 [D]

[1] Sentenz in Anlehnung an Kempowski; Walter: Das Echolot. Ein kollektives Tagebuch. Januar und Februar 1943. Band 1. München 1993. S. 7.

[2] Schallie, Charlotte: Verwalter der Erinnerung. In: H-German, H-Net Reviews. URL: http://www.h-net.org/reviews/showrev.php?id=11330 (28.05.2011).

Auszug aus meiner Rezension zum Werk von Babette Kaiserkern: „Luigi Boccherini. Leben und Werk – Musica amorosa“

Die Journalistin und Musikwissenschaftlerin Babette Kaiserkern veröffentlichte vor zwei Jahren die erste umfangreiche deutschsprachige Biographie über den italienischen Komponisten und Cellisten der vorklassischen Epoche. Eine Rezension zu ihrem Werk habe ich für die musikwissenschaftliche Zeitschrift „DIE TONKUNST“ geschrieben. Die Biographie konnte mich beim kritischen Lesen nur teilweise überzeugen, wie das hier veröffentlichte Fazit meiner Rezension zeigt:

Auszug aus: „DIE TONKUNST, April 2016, Nr. 2, Jg. 10 (2016), ISSN: 1863-3536, S. 211-213“ (mit freundlicher Genehmigung der Redaktion):

Die Autorin hat für diese Biographie vorbildliche Quellenarbeit geleistet und aktuelle Forschungsergebnisse berücksichtigt. Die überzeugend klare Sprache der Autorin hält das Interesse an der Biographie des italienischen Komponisten wach und glättet manche erzählerischen Schwächen des Werkes. Einige Abschnitte hätten aus der Erzähllogik heraus durchaus anderen Abschnitten zugeordnet werden können, um einen schlüssigeren Erzählfluss herzustellen. Auch finden sich im Text zahlreiche Wiederholungen von Textstellen, die schon in vorangegangenen Abschnitten angeführt worden sind. […] Dem Leser, der sich mit Leben und Werk des Komponisten vertraut machen möchte, bietet die Monographie einen gut lesbaren Überblick. […]

[…]

Bibliografische Angabe: Babette Kaiserkern: Luigi Boccherini. Leben und Werk Musica amorosa. Weimarer Verlagsgesellschaft 2014. 268 S., 28 €. EAN: 978-3-7374-0213-2